Es gibt eine Softwarekategorie, die noch keinen Namen hat. Das ist kein Zufall.
OEM, Betreiber, Servicepartner – alle haben Systeme. Keiner hat dasselbe. Warum industrieller Service strukturell scheitert und was Studien dazu sagen.
Gerd Bart
CEO Transaction-Network
“Klartext statt Buzzwords”
Wenn eine Industriemaschine stillsteht, passiert meistens das Gleiche. Der Betreiber ruft den OEM an. Der OEM schaut in sein System. Der Servicepartner wartet auf eine Rückmeldung. Irgendwo fehlt ein Ersatzteil, das niemand auf dem Schirm hatte. Und nach zwei Tagen stellt sich heraus: Alle haben Daten. Keiner hat dieselben.
Das ist kein Einzelfall. Das ist der Normalzustand.
Ich baue seit einigen Jahren an der Infrastruktur, die genau diese Lücke schließen soll – zwischen OEM, Betreiber und Servicepartner. Und was mich dabei am meisten beschäftigt, ist nicht die Technik. Die ist lösbar. Was mich beschäftigt, ist eine strukturelle Frage, die die Branche bisher kaum stellt:
Warum ist jede Software, die es für industriellen Service gibt, für genau einen der Beteiligten gebaut, obwohl das Problem immer mindestens drei betrifft?
ERP: eines. MES: eines. Serviceportal: eines. Ticketsystem: eines. Alles Werkzeuge für einzelne Unternehmen. Kein Werkzeug für den Raum dazwischen.
Die Lücke zwischen OEM und Betreiber
Viele Maschinenbauer arbeiten mit externen Partnern, können diese aber nicht durchgängig in ihre Prozesse einbinden. Wenn Rollen, Zugriffe und Verantwortlichkeiten nicht klar geregelt sind, entstehen Rückfragen, Informationslücken und erhöhter Koordinationsaufwand. Das steht so in einer aktuellen Analyse zur Plattformökonomie im Maschinenbau. Ich würde es anders formulieren: Es entstehen stehende Maschinen.
Bei über 60 Prozent der Maschinenbauer hat das Servicegeschäft bereits starken Einfluss auf die Unternehmensstrategie. Das Potenzial wird aber noch nicht ausreichend abgeschöpft. Das glaube ich sofort. Aber ich glaube nicht, dass das an fehlendem Willen liegt. Es liegt daran, dass man Potenzial nicht alleine abschöpfen kann, das nur gemeinsam entsteht.
Was die Zahlen sagen
Laut einer Studie von VDMA und McKinsey liegt der Umsatzanteil für digitale Plattformen und Mehrwertdienste im europäischen Maschinenbau bei rund 0,7 Prozent des Gesamtumsatzes von 850 Milliarden Euro. Das ist wenig. Sehr wenig. Und ich bin ziemlich sicher, dass ein wesentlicher Grund dafür ist: Digitale Investitionen landen immer wieder in denselben Einzelsystemen. OEM baut Portal für OEM-Kunden. Betreiber kauft Wartungssoftware für sein Team. Servicepartner arbeitet mit dem, was der OEM ihm schickt – meistens per Mail.
Der gemeinsame Boden fehlt. Die Infrastruktur, auf der alle drei arbeiten könnten, gibt es noch nicht als anerkannte Kategorie.
77 Prozent der befragten Maschinenbauer sagen, dass Anbieterkonsortien ein erfolgversprechender Weg für digitale Plattformen sind. Fast alle sehen das Problem. Nur: Sehen reicht nicht. Und Konsortien reden meistens über Formate, nicht über Infrastruktur.
Der Kontext, den ich nicht verschweigen will
Die Auftragseingänge im Maschinenbau lagen im September 2025 rund 19 Prozent unter Vorjahr. Zwei von drei Entscheidungsträgern rechnen mit einer weiteren Verschlechterung der deutschen Konjunktur – laut PwC ein Negativrekord seit Beginn der Erhebungen 2014.
In diesem Umfeld wird Servicegeschäft zur Stabilitätsquelle. Das weiß jeder, der ein Unternehmen führt. Neue Maschinen werden weniger bestellt, aber die, die stehen, müssen laufen. Servicegeschäft ist konjunkturresistenter als Neugeschäft. Das ist keine These, das ist Erfahrung.
Aber Servicegeschäft skaliert nicht, wenn jeder Beteiligte in seinem eigenen System sitzt. Im ungünstigen Szenario betreiben Tech-Konzerne die führenden B2B-Plattformen, besitzen Maschinen- und Kundendaten exklusiv und stellen damit das traditionelle Service- und Ersatzteilgeschäft des Maschinenbaus grundlegend in Frage. Das ist das Deloitte-Szenario für 2030. Ich halte es für realistischer als die meisten zugeben wollen.
“Servicegeschäft ist konjunkturresistenter als Neugeschäft. Das ist keine These, das ist Erfahrung.”
— Gerd Bart, CEO Transaction-Network
Was ich damit sagen will
Es gibt eine Softwarekategorie, die noch nicht existiert. Jedenfalls nicht als anerkannte, etablierte Kategorie. Keine Plattform für einen. Keine Lösung für zwei. Sondern eine gemeinsame Infrastruktur für alle drei Seiten: OEM, Betreiber, Servicepartner. Maschinengebunden. Prozessgetrieben. Mit einer klaren Zuständigkeit für das Ganze.
Den Raum haben wir nicht verbessert. Den haben wir zum ersten Mal besetzt.
Ich berichte hier weiter darüber – weil ich glaube, dass diese Kategorie einen Namen braucht, bevor sie jemand anderes besetzt. Und weil der Maschinenbau in Deutschland gerade keine Zeit hat, das zu verschlafen.
Es gibt eine Softwarekategorie, die noch keinen Namen hat. Den Raum haben wir nicht verbessert. Den haben wir zum ersten Mal besetzt.
